Wer bin ich und wenn ja, wie viele?

Heute bin ich mal wieder frustriert über meine Gewichtszunahme. Keine Ahnung, woran dieses noch nie dagewesene Breitenwachstum liegt, an den Antidepressiva, am Frustessen oder woran sonst?

Bisher fand ich es ziemlich unwichtig. Überleben war viel wichtiger.

Außerdem fühlte ich mich kaum. Es war seltsam, ich kam mir selbst so fremd vor, dass auch mein Körper irgendwie total weit weg war. Also, bedeutet es eher etwas Gutes, dass mich mein Gewicht frustriert, oder? Heißt das, ich komme wieder zu mir? Endlich frustriert mich mein Gewicht wieder!? Yuppi-ya-ye Schweinebacke!

Immerhin trete ich wieder wirklich in eine Beziehung zu mir, wenn sie auch kompliziert und komplex zu sein scheint. Und, seien wir ehrlich, welche Beziehung ist das nicht?!

Traue mich schon länger nicht auf die Waage, passe in keine Klamotte mehr rein und beim in die Hocke gehen, sehe ich aus, wie ein Elefant, der Kniebeugen macht. Außerdem merke ich langsam, dass das ganze Gewicht auf die Gelenke geht, vor allem Knie und Knöchel. Habe auch den Impuls, etwas tun zu wollen. Aber was? Und wie?

Dieses Fremdheitsgefühl war in der Depression mit am schlimmsten. Interessanterweise konnte ich das während ich noch drinnen steckte, nicht benennen.

Im Krankenhaus mussten wir ständig Fragebögen mit Ankreuzfragen ausfüllen. Eine Frage, die immer wieder vorkam und mich jedesmal irritierte, lautete: „Fühlen Sie sich selbst als fremd?“ oder so ähnlich. Ich verstand die Frage überhaupt nicht.

Tatsächlich konnte ich nichts fühlen außer Trauer und körperliche Schwäche.

Selbst Angst konnte ich nicht fühlen. Dabei war mein Grundzustand wohl Panik. Wenn ich es schaffte, tatsächlich mal einzuschlafen und dann nassgeschwitzt, mit Atemnot und Herzrasen aufschreckte, wunderte ich mich, dass ich mich schlecht fühlte. Auch wenn es mir jetzt etwas peinlich ist, aber dass sich so eine Panikattacke anfühlt, wurde mir erst viel später klar. Habe ich schon erzählt, dass ich nicht wirklich denken konnte?

Die Frage nach der Fremdheit war für mich genauso wenig fassbar wie die Panik. Ich habe mich eher garnicht gefühlt. Jetzt im Nachhinein, wo ich langsam wieder zu mir komme, wird mir klar, dass mit Fremdheit wohl dieses Gefühl gemeint war, sich in sich selbst falsch oder garnicht zu fühlen. Immer wieder versuchte ich, wie früher zu funktionieren und war frustriert, dass es in die Hose ging.

Noch in meinem Blogbeitrag vom 5. Februar 2017, Neuer Mitbewohner mit Blockaden und psychischen Problemen, habe ich Euch geschrieben, dass ich es nicht verstehe und mit meinem Therapeuten daran arbeite.

Jetzt -traraaah!- langsam, beginne ich, „mich wieder zu erkennen“. Es ist schwierig in Worte zu fassen.

Manchmal kommt es mir so vor, als ob ich noch einmal erwachsen werden müsste. Als Kind fühlt frau sich manchmal oder auch öfter, hilflos und frustriert, weil frau nicht selbst bestimmen darf, was und wann frau ißt, wann frau aufstehen und schlafengehen muss, dass es nicht merkt, wann es mal muss, etc.. Das erlebe ich gerade wieder. Na, ganz so schlimm ist es nicht. Immerhin bin ich stubenrein.

Es hört sich unglaublich an, aber dieses kleine Kind von damals scheint die Oberhand zu haben. Und es will nicht schlafen gehen, wenn es noch etwas interessantes im Fernsehen gibt. Es will sich nicht mit blöden Verwaltungkram herum schlagen. Wenn dann mein erwachsenes Hirn sagt, jetzt musst Du Dich aber mal an den Schreibtisch setzen, entzieht mein Organismus einfach sämtliche Energie und dann geht garnichts mehr.

Mit reiner Willenskraft brauche ich meinem Körper garnicht zu kommen. Das ist viel zu anstrengend. Da ist sofort Solitaire und Hörbuch angesagt.

Das wäre ja alles gut und schön, wenn irgendjemand sich um meinen Erwachsenenkram wie Miete zahlen, Geld verdienen etc. kümmern würde. Ist aber niemand da. Außerdem regt sich mein Erwachsenenhirn vernünftigerweise darüber auf und lässt mich dann nachts vor Angst nicht schlafen.

In den letzten Monaten habe ich meistens versucht, den alten Weg zu gehen, mit Vernunft, Disziplin und Willenskraft zu bestimmen, was ich tue. Der Erfolg war eher mäßig. Na gut, zugegebenermaßen kam ich quasi nicht vom Fleck. Hm.

Der einzige Weg,  meinen inzwischen geradezu gigantischen Hintern überhaupt von der Couch hoch zu bekommen, ist, etwas zu tun, was mir Freude macht. Es fühlt sich manchmal an, als ob die Freude mich tatsächlich stärken würde. Das hört sich ziemlich eso und schräg an, aber besser kann ich es nicht beschreiben. Freude und Verbundenheit stärkt.

Jetzt wäre es ja einfach, ständig Freunden und Kindern hinterher zu laufen und mit Ihnen Freude und Verbundenheit zu haben. Das ist für mich der einfachste Weg. Tochter will mit mir joggen gehen und schwupp, ist mein Körper ja sowas von da. Freundin will wandern, hopps, Körper ist pünktlich am Start. Leider haben alle meine Lieben auch ihr Leben. Frechheit, ich weiß.

Was kann ich also tun, wenn ich alleine bin? Wie kann ich mein Leben führen? Erwachsen und so, meine ich. Hm, hier liegt ja offenbar ein kleines Häschen im Pfeffer. Wenn ich davon ausgehe, dass Freude eine gute Motivation sein könnte, was könnte ich dann tun?

Es geht hier um tief empfundene Freude. Das ist nicht so einfach. Viele Dinge sind noch zu anstrengend. Bei anderen ist der Spaß irgendwie nicht groß genug, glaube ich. Jedenfalls funktioniert nicht alles zu jedem Zeitpunkt gleich zuverlässig. Ich muss ziemlich in mich hinein horchen. Puh, das dauert… und ist so schwierig, Gefühle wahrnehmen… Da muss der plapprige Verstand nämlich mal kurz die Luft anhalten. Mag der gar nicht.

Na gut, schreiben und lesen funtioniert oft. Aber das ist ja schon Hochreck und oft ebenfalls zu anspruchsvoll. Skaten bei Sonnenschein baut mich meist auf, ist aber im Winter nicht möglich. Schoki und Essen geht immer. Hm… Kann ja nicht alles sein, oder?

In der Klinik hatte ich diese Kunsstherapie, wo ich Skulpturen aus Ton geformt habe. Das hat sehr gut getan.Relaxing Deshalb hatten eine Freundin und ich letzten November einen Töpferkurs bei der Volkshochschule gemacht. Das war richtig klasse, nur sehr teuer und zuhause auch irgendwie nicht praktikabel. Meinen Beruf zu ändern und als Keramikerin zu arbeiten… naja, das wäre im Moment tatsächlich beängstigend, denn wie sollte ich davon leben können?

Also habe ich diesmal einen Nähkurs angefangen. Hatte einige Vorbehalte, weil ich dachte, das sei mir zu fitzelig. Schließlich waren Geduld, Sorgfalt und Ausdauer noch nie meine Stärken. Aber die Freundin meinte, dass es wirklich Spaß mache und toll sei… Na gut, also gehe ich jetzt

bunte Stoffe für den Nähkurs

zu diesem Nähkurs und -kaum zu glauben- es macht mir total großen Spaß. Gestern habe ich geguckt, wo ich billige und schöne Stoffe herbekommen kann. Das ist ja nicht so einfach. Als Hartzi habe ich kein Geld übrig. Das hier ist meine Ausbeute für diesmal.

Außerdem habe ich mir für zuhause ein Malbuch gekauft und statt Solitaire zu spielen, schaffe ich es öfter mal ein bisschen auszumalen. Es überrascht mich immer wieder Malbuch und Stiftefestzustellen, dass dieses Ausmalen mit schönen leuchtenden Farben mich so freut und mir damit viel Kraft gibt, viel mehr als Solitaire. Dabei ist es nicht so anstrengend, wie selbst ein Bild zu malen.

Mein Erwachsenenhirn meckert zwar immer rum, das ich jetzt nur noch eine Katze bräuchte, um das wandelnde Klischee zu erfüllen. Aber das ist mir jetzt mal egal.

Auf diese Art und Weise kann ich also aktiv sein. Die vernünftige, erwachsene Masche mit dem Zusammenreißen nutzt ja nichts, funktioniert nicht. Also versuche ich es mal so.

Liebe, Menschen und Farben scheinen mir Freude zu geben. Vielleicht muss ich zu mir eine ganz neue Beziehung aufbauen, wo diese Dinge besser berücksichtigt werden? Vielleicht muss ich wirklich mein Leben ändern? Muss ich besser in mich hineinhören?

Womit wir wieder beim Gewicht wären. Die 5-2-Diät bzw. das 5-2 Fasten schaffe ich im Moment eher nicht. Auch hier hat das Kind total die Oberhand. Und wenn es mir gelingt, dieses kindliche Bedürfnis einzubauen und in diese Richtung zu gehen, schaffe ich es dann, wieder einigermaßen fit und beweglich zu werden?

Habe vorhin ein bisschen herumgelesen und bin mal wieder auf diesen großartigen blog gestoßen: Die Labrador Methode. Das scheint mir im Moment ein gangbarer Weg. Mal sehen, muss ich mich noch mal genauer mit beschäftigen… Vielleicht muss ich auch da eine neue Beziehung zu mir und zum Essen aufbauen? Mehr schöne Aktivitäten, genug Ruhe und weniger Ersatzbefriedigung?

Es ist so ein weiter Weg… Heute morgen hatte ich immerhin Lust auf ein bisschen Gymnastik und Green Smothie. Gestern auf einen Apfel. Gefühlt, getan.

Jetzt ist gleich Nähkurs…

 

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